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"Waving, not drowning"

by Andrew Stewart

from 

"Classical music "

 

 

Ilya Musin Gesellschaft

Kurse über die Orchester leitungs technik

 

Maestro Ennio Nicotra

 

 

 

 

ÜBER DIE TECHNIK:

 

Einleitung

Es ist nicht einfach, sich mit wenigen Worten einer so breit gefächerten und komplexen Materie wie dem Orchesterdirigieren zu nähern, in der mehrere Fachgebiete zusammenfließen. Dieser Einführungskurs möchte versuchen, einige grundlegende Aspekte davon zu betrachten. Ein Fachgebiet ist dabei von großer Bedeutung, vielleicht mehr als man sich gemeinhin vorstellt.

Ich beziehe mich konkret auf die Technik des Dirigierens, sprich: auf jenen komplexen Vorrat an Gesten, den der Dirigent nutzt, um das Spiel der Musiker zu koordinieren und um seine persönliche Interpretation der Musik auf das Orchester zu übertragen. Darin besteht der augenfälligste Aspekt dieser Kunst; jener, der die Vorstellungskraft des Publikums und der Musiker am meisten berührt.

Was ist, genau betrachtet, unter „Technik“ zu verstehen?

Blickt man auf diejenige der Musikinstrumente, stellen wir fest, dass sie aus dem Erlernen der korrekten und präzisen Ausführung einer Serie von Bewegungen besteht, denen jeweils ein bestimmtes Klangresultat entspricht. Sobald ein Musiker sie beherrscht, wendet er sie in geeigneter Weise an, um durch das Instrument seinen eigenen musikalischen Gedanken auszudrücken. Während des Spiels denkt er natürlich nicht mehr an die technische Komponente, so wie wir beim Sprechen nicht an die Bewegungen von Zunge, Lippen und Mund denken.

Ebenso wendet der Dirigent gezielte Gesten an. Diese können jedoch auf sehr verschiedene Art ausgeführt werden, und auf jede von ihnen reagiert das Orchester im Allgemeinen unterschiedlich.

Einige Schulen schenken diesem Aspekt eine gewisse Aufmerksamkeit. Andere wiederum konzentrieren sich nur auf das Studium und die Interpretation der Partitur – gewiss ebenso grundlegende Aspekte dieser Kunst -, vernachlässigen dabei jedoch die technische Seite. Diese Schulen schenken unserer Hypothese nicht genügend Bedeutung, ein Student könne durch korrekte Verwendung seiner Arme mit dem Orchester interagieren. Häufig geht man sogar davon aus, die technische Komponente sei weder bestimmend noch habe sie wesentlichen Einfluss auf die musikalische Darbietung und überlässt damit dem Studenten die Herausforderung, seine eigene, persönliche Technik durch Übung und Erfahrung zu entwickeln.

Wer sich also entscheidet, Orchesterdirigieren zu studieren, muss eine schwer durchdringbare Materie ohne klare Umrisse bewältigen, häufig ohne zu wissen, auf welche Modelle er im Bezug auf den technisch-gestischen Aspekt zurückgreifen kann.

Gewöhnlich neigen junge Studenten dazu, berühmte Dirigenten nachzuahmen, indem sie sklavisch deren Gesten wiederholen, ohne ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was sie eigentlich tun. Auf diese Weise übernehmen sie leider auch Fehler und Mängel.

In der Praxis ist daher einer korrekten Armhaltung und dem Studium der dazugehörigen Technik besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Junge Studenten müssen sich grundlegend im Klaren darüber sein, dass während einer Aufführung ihre Arme die einzige Verbindung zwischen ihnen und dem Orchester darstellen; nur wer diesen Aspekt wirklich verinnerlicht hat, kann die Möglichkeiten, die sich einem damit eröffnen, maximal nutzen.

Es gilt zu verstehen, wie die eigene Geste durch die Orchesterspieler gedeutet wird und was sie bei ihnen bewirkt, dabei manchmal sogar die Qualität des Klangs beeinflusst; wie die Geste für das Orchester zu einem nützlichen Führungsinstrument während der Aufführung werden kann und der Dirigent daraus größtmöglichen Nutzen zieht für seine persönlichen Ansprüche bezüglich Ausdruck und Interpretation. Kurz gesagt: Es ist wichtig zu wissen, welche Reaktion des Orchesters auf bestimmte Gesten erwartbar ist. Aber noch wichtiger ist es, zu wissen, welche Reaktion man erreichen möchte.

Ziel all dessen ist der erfolgreiche Versuch, auf die Wahrnehmung der Musiker einzuwirken und dabei die volle Kontrolle über die Masse des Orchesters zu erlangen, gleichzeitig jedoch auch dem einzelnen Musiker das Gefühl zu vermitteln, in größter Freiheit zu spielen. Wir versuchen mit einem Klavierduo - dem universellen Hilfsmittel am Beginn eines Studiums für Orchesterdirigieren - die Gesetze, die diesen Mechanismus regulieren zu analysieren und darzulegen.

Da ein Orchester ein „lebendiges“ Instrument ist, dürfen die Thesen, die wir hier vorstellen, nicht als absolute Wahrheiten genommen werden. Sie sind zu verstehen als Beobachtungen, Empfehlungen oder Tipps für die Fortentwicklung der persönlichen Fähigkeiten eines Studenten und vor allem als Ausgangsbasis für die Entwicklung einer persönlichen Dirigier-Sprache.

Obwohl die Beziehung zu einem Orchester noch von vielen weiteren Faktoren abhängt (wie z. B. dem kulturellen Entwicklungsstand und der Professionalität desselben), die hier aufgezeigte Gesten-Sprache ist universell gültig, anwendbar und verständlich.

Die vorliegende Einführung kann als optimaler Leitfaden für Studenten und Instrumentalisten dienen, aber auch für Liebhaber und jeden einfachen Zuhörer, der sich, wer weiß, wie oft schon gefragt hat: „Was tut der Dirigent da nun eigentlich?“

Dieses Werk ist vor allem dem Gedenken an meinen Lehrer Ilya Musin gewidmet, dessen wesentliche Lehren hier zusammengefasst dargestellt werden. Musin stellt für das Orchesterdirigieren einen Wendepunkt dar, der nach Aussagen vieler „für diese Kunst das darstellt, was Liszt oder Chopin für die Entwicklung der Technik auf dem Klavier bedeuteten.“ Für einige Leser könnte es daher interessant sein zu erfahren, dass Musins Denkweise auch deutsche Wurzeln hat. Sie ist das Resultat intensiver Beobachtung der großen Dirigenten der deutschen Schule, die bis 1936 in der Sowjetunion auftraten.

Dem interessierten Leser wird zur Vertiefung der Thematik die Lektüre seines umfangreichen Materials empfohlen, das ohne Zweifel einen Meilenstein in der Entwicklung der Technik des Dirigierens darstellt. Bedauerlicherweise sind seine Arbeiten bis dato noch nicht aus der Originalsprache übersetzt.

 

Ennio Nicotra



Vorwort  

Vor vielen Jahren, als ich noch Studentin am Nikolaj Rimskij-Korsakov Konservatorium in Leningrad war (heutzutage St. Petersburg), mussten wir im Rahmen des „Kurs II für Klavierbegleitung“ auch viel praktische Erfahrung sammeln. So kam es, dass ich zuerst in Professor Vera Sopinas Kurs für Solo-Gesang und danach in Professor Izay Shemans Kurs für Orchesterdirigieren die Klavierbegleitung übernahm. Da mir von Kindheit an beigebracht wurde, meine Fähigkeiten als gute Blattspielerin stetig zu erweitern (meine Mutter, Ludmila Umanskaja, - ebenfalls Professorin an derselben Akademie – hielt das für den Ausbau einer guten musikalischen Kultur für unabdingbar), begann ich in meinem dritten Studienjahr die Klavierbegleitung im Kurs für Orchesterdirigieren von Professor Ilya Musin.

Viele Jahre nach dem Abschluss meines Studiums, als ich selbst bereits an eben jenem Konservatorium unterrichtete, kam eines Tages Ilya Musin, der sich mitten im Studienjahr unversehens ohne Klavierbegleitung für seinen Kurs fand, persönlich auf mich zu und bat mich, in seinem „Kurs-Orchester“, wie er es gelegentlich zu nennen pflegte, zu spielen. Ich folgte seiner Bitte und arbeitete von da an mit ihm bis zu seinem Tod im Jahr 1999.

Meine jahrelange Anwesenheit in Ilya Musins Kursen erlaubte mir, seine Lehrtätigkeit aus einem privilegierten Blickwinkel zu beobachten - am Klavier sitzend, als wäre ich das Orchester - und für mich selbst zu lernen. Ilya Musin ist für mich jener Musiker, der mehr als irgendein anderer meine musikalische Ausbildung beeinflusste und meine didaktische Erfahrung bereicherte, da es mir möglich war, dem Unterricht für so viele verschiedene und unterschiedlich begabte Studenten zu folgen.

Ilya Musin versuchte all seinen Studenten zwei Dinge beizubringen: das Verständnis für die Dramaturgie eines zu dirigierenden Musikstückes (vom Aufbau der einzelnen Phrase bis hin zu den größeren Abschnitten) und die Fähigkeit, durch die Gestik nicht nur Dynamik und Tempo, sondern auch den Charakter, den rhythmischen Gehalt und die Struktur jeder Phrase auszudrücken, wie die Instrumente gespielt werden sollen und all die anderen Dinge, die bei der Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigent von Wichtigkeit sind; kurz: die Fähigkeit „mit den Händen zu sprechen“. Genau darüber schrieb Ilya Musin in all seinen Arbeiten über das Orchesterdirigieren und ebenso, wenn er bekräftigte: „Ich lehre meine Studenten nicht, diese oder jene Symphonie zu interpretieren. Aber ich verwende die Symphonien als Mittel, um ihnen beizubringen, wie man seine eigenen musikalischen Gedanken mitteilt.“

Ilya Musin war fest davon überzeugt, ein jeder könne die Grundlagen dieses Berufes erlernen. Für alle seine Kursteilnehmer, gleich ob sie Studenten des Konservatoriums oder Teilnehmer seiner Meisterkurse im Ausland waren, gab er, unabhängig von den Fähigkeiten des Einzelnen, stets sein Bestes. Großzügig teilte er sein ganzes Wissen und passte sich hierbei dem Niveau des jeweiligen Studenten an, um diesem genau das zu geben, was er in der augenblicklichen Phase seiner Entwicklung benötigte.

Da immer Dutzende von Menschen im Unterrichtsraum waren, konnte Ilya Musin, jeweils ausgehend von konkret beobachteten Fehlern oder Mängeln bei einzelnen Studenten, im gemeinsamen Lernen die allgemeingültigen Regeln aufzeigen. Nach jedem Kurs notierte sich Ilya Musin zu Hause, was im Unterricht geschehen war: Gedanken, die ihm während der Stunden gekommen waren, Ideen, Beobachtungen. Daraus entstanden dann seine Bücher.

Während seiner ganzen Karriere als Lehrer verfasste Musin nicht nur autobiografische Arbeiten (Lebenslektionen - St. Petersburg 1995) sondern auch wichtige Arbeiten über die methodologische Forschung in der Kunst des Orchesterdirigierens (Technik des Orchesterdirigierens – St. Petersburg, erste Auflage 1967, zweite Auflage 1995; Die Erziehung des Dirigenten - St. Petersburg 1987; Die Sprache der Dirigier-Gestik - St Petersburg 2006).

Ilya Musin hatte eine Vielzahl an Studenten; nach seinen Berechnungen haben allein mehr als hundert russische einen Abschluss bei ihm erlangt. Hinzu kommen diejenigen aus seinen Meisterklassen im Ausland und all jene, die von überall auf der Welt nach St. Petersburg kamen, um an seinen Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen. Einige von ihnen, angesteckt von dem gleichen leidenschaftlichen Wunsch ihres Lehrers, ihre Erfahrung und ihr Wissen zu teilen, widmen sich dem Unterrichten.

Ennio Nicotra ist einer von ihnen: In hohem Grade begabt und der Musik sowie dem Orchesterdirigieren ergeben, führt er die Arbeit seines Lehrers nicht nur hinsichtlich der Ausbildung und Erziehung der jungen Musiker-Generationen fort, sondern verbreitet Musins Dirigiermethode auch in Italien, Russland und anderen Ländern.

Ennio Nicotras Idee, moderne Technologien zu nutzen, um ein interaktives Handbuch des Orchesterdirigierens zur Verfügung zu stellen, ist ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer Schule des Orchesterdirigierens überall in der Welt. Zweifellos liegt der Wert dieser Veröffentlichung in ihrem lebendigen Bezug zu all dem, was Maestro Nicotra während seiner Studienjahre mit Ilya Musin erlernt hat.

Die vorhandenen Lehrbücher zum Thema Orchesterdirigieren, z.B. jenes von Musins Lehrer Nikolay Malko (Der Dirigent und sein Taktstock - Kopenhagen 1950) und Musins eigene Bücher können nicht den Vorteil nutzen, den heutige Technologien ermöglichen: das Phänomen des Orchesterdirigierens von innen heraus zu zeigen. Hier werden die in jeglichem Handbuch zu findenden Dirigier-Schemata lebendig, in sichtbare Bewegung umgesetzt. Das Resultat daraus wird in hunderten von Beispielen aus jedem Zeitalter, Stil und Genre durch das berühmte Klavierduo Canino-Ballista auf eindrucksvolle Weise hörbar.

Dieses Handbuch zeigt, ausgehend von den ersten Schritten, die Arbeit, die ein junger Dirigent an sich selbst leisten muss. Es hilft dem aufstrebenden Musiker, ein junger Fachmann zu werden, der fähig ist, jegliches Werk aus dem klassischen oder zeitgenössischen Repertoire zu beherrschen.

 

Nadezhda Mikhailovna Eismont

Klavierdozentin am

Nikokaj Rimskij-Korsakov

Konservatorium St. Petersburg

 

 

 


 
 


 

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