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Einleitung
Es
ist nicht einfach, sich mit wenigen Worten einer so breit gefächerten
und komplexen Materie wie dem Orchesterdirigieren zu nähern, in der
mehrere Fachgebiete zusammenfließen. Dieser Einführungskurs möchte
versuchen, einige grundlegende Aspekte davon zu betrachten. Ein
Fachgebiet ist dabei von großer Bedeutung, vielleicht mehr als man sich
gemeinhin vorstellt.
Ich
beziehe mich konkret auf die Technik des Dirigierens, sprich: auf
jenen komplexen Vorrat an Gesten, den der Dirigent nutzt, um das Spiel
der Musiker zu koordinieren und um seine persönliche Interpretation der
Musik auf das Orchester zu übertragen. Darin besteht der augenfälligste
Aspekt dieser Kunst; jener, der die Vorstellungskraft des Publikums und
der Musiker am meisten berührt.
Was
ist, genau betrachtet, unter „Technik“ zu verstehen?
Blickt
man auf diejenige der Musikinstrumente, stellen wir fest, dass sie aus
dem Erlernen der korrekten und präzisen Ausführung einer Serie von
Bewegungen besteht, denen jeweils ein bestimmtes Klangresultat
entspricht. Sobald ein Musiker sie beherrscht, wendet er sie in
geeigneter Weise an, um durch das Instrument seinen eigenen
musikalischen Gedanken auszudrücken. Während des Spiels denkt er natürlich
nicht mehr an die technische Komponente, so wie wir beim Sprechen nicht
an die Bewegungen von Zunge, Lippen und Mund denken.
Ebenso
wendet der Dirigent gezielte Gesten an. Diese können jedoch auf sehr
verschiedene Art ausgeführt werden, und auf jede von ihnen reagiert das
Orchester im Allgemeinen unterschiedlich.
Einige
Schulen schenken diesem Aspekt eine gewisse Aufmerksamkeit. Andere
wiederum konzentrieren sich nur auf das Studium und die Interpretation
der Partitur – gewiss ebenso grundlegende Aspekte dieser Kunst -,
vernachlässigen dabei jedoch die technische Seite. Diese Schulen
schenken unserer Hypothese nicht genügend Bedeutung, ein Student könne
durch korrekte Verwendung seiner Arme mit dem Orchester interagieren. Häufig
geht man sogar davon aus, die technische Komponente sei weder bestimmend
noch habe sie wesentlichen Einfluss auf die musikalische Darbietung und
überlässt damit dem Studenten die Herausforderung, seine eigene, persönliche
Technik durch Übung und Erfahrung zu entwickeln.
Wer
sich also entscheidet, Orchesterdirigieren
zu studieren, muss eine schwer durchdringbare Materie ohne klare
Umrisse bewältigen, häufig ohne zu wissen, auf welche Modelle er im
Bezug auf den technisch-gestischen Aspekt zurückgreifen kann.
Gewöhnlich
neigen junge Studenten dazu, berühmte Dirigenten nachzuahmen, indem sie
sklavisch deren Gesten wiederholen, ohne ein Bewusstsein dafür zu
entwickeln, was sie eigentlich tun. Auf diese Weise übernehmen sie
leider auch Fehler und Mängel.
In
der Praxis ist daher einer korrekten Armhaltung und dem Studium der
dazugehörigen Technik besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Junge
Studenten müssen sich grundlegend im Klaren darüber sein, dass während
einer Aufführung ihre Arme die einzige Verbindung zwischen ihnen und
dem Orchester darstellen; nur wer diesen Aspekt wirklich verinnerlicht
hat, kann die Möglichkeiten, die sich einem damit eröffnen, maximal
nutzen.
Es
gilt zu verstehen, wie die eigene Geste durch die Orchesterspieler
gedeutet wird und was sie bei ihnen bewirkt, dabei manchmal sogar die
Qualität des Klangs beeinflusst; wie die Geste für das Orchester zu
einem nützlichen Führungsinstrument während der Aufführung werden
kann und der Dirigent daraus größtmöglichen Nutzen zieht für seine
persönlichen Ansprüche bezüglich Ausdruck und Interpretation. Kurz
gesagt: Es ist wichtig zu wissen, welche Reaktion des Orchesters auf
bestimmte Gesten erwartbar ist. Aber noch wichtiger ist es, zu wissen,
welche Reaktion man erreichen möchte.
Ziel
all dessen ist der erfolgreiche Versuch, auf die Wahrnehmung der Musiker
einzuwirken und dabei die volle Kontrolle über die Masse des Orchesters
zu erlangen, gleichzeitig jedoch auch dem einzelnen Musiker das Gefühl
zu vermitteln, in größter Freiheit zu spielen. Wir versuchen mit einem
Klavierduo - dem universellen Hilfsmittel am Beginn eines Studiums für
Orchesterdirigieren - die Gesetze, die diesen Mechanismus regulieren zu
analysieren und darzulegen.
Da
ein Orchester ein „lebendiges“ Instrument ist, dürfen die Thesen,
die wir hier vorstellen, nicht als absolute Wahrheiten genommen werden.
Sie sind zu verstehen als Beobachtungen, Empfehlungen oder Tipps für
die Fortentwicklung der persönlichen Fähigkeiten eines Studenten und
vor allem als Ausgangsbasis für die Entwicklung einer persönlichen
Dirigier-Sprache.
Obwohl
die Beziehung zu einem Orchester noch von vielen weiteren Faktoren abhängt
(wie z. B. dem kulturellen Entwicklungsstand und der Professionalität
desselben), die hier aufgezeigte Gesten-Sprache ist universell gültig,
anwendbar und verständlich.
Die
vorliegende Einführung kann als optimaler Leitfaden für Studenten und
Instrumentalisten dienen, aber auch für Liebhaber und jeden einfachen
Zuhörer, der sich, wer weiß, wie oft schon gefragt hat: „Was tut der
Dirigent da nun eigentlich?“
Dieses
Werk ist vor allem dem Gedenken an meinen Lehrer Ilya Musin gewidmet,
dessen wesentliche Lehren hier zusammengefasst dargestellt werden. Musin
stellt für das Orchesterdirigieren einen Wendepunkt dar, der nach
Aussagen vieler „für diese Kunst das darstellt, was Liszt oder Chopin
für die Entwicklung der Technik auf dem Klavier bedeuteten.“ Für
einige Leser könnte es daher interessant sein zu erfahren, dass Musins
Denkweise auch deutsche Wurzeln hat. Sie ist das Resultat intensiver
Beobachtung der großen Dirigenten der deutschen Schule, die bis 1936 in
der Sowjetunion auftraten.
Dem
interessierten Leser wird zur Vertiefung der Thematik die Lektüre
seines umfangreichen Materials empfohlen, das ohne Zweifel einen
Meilenstein in der Entwicklung der Technik des Dirigierens darstellt.
Bedauerlicherweise sind seine Arbeiten bis dato noch nicht aus der
Originalsprache übersetzt.
Ennio
Nicotra
Vorwort
Vor
vielen Jahren, als ich noch Studentin am Nikolaj Rimskij-Korsakov
Konservatorium in Leningrad war (heutzutage St. Petersburg), mussten wir
im Rahmen des „Kurs II für Klavierbegleitung“ auch viel praktische
Erfahrung sammeln. So kam es, dass ich zuerst in Professor Vera Sopinas
Kurs für Solo-Gesang und danach in Professor Izay Shemans Kurs für
Orchesterdirigieren die Klavierbegleitung übernahm. Da mir von Kindheit
an beigebracht wurde, meine Fähigkeiten als gute Blattspielerin stetig
zu erweitern (meine Mutter, Ludmila Umanskaja, - ebenfalls Professorin
an derselben Akademie – hielt das für den Ausbau einer guten
musikalischen Kultur für unabdingbar), begann ich in meinem dritten
Studienjahr die Klavierbegleitung im Kurs für Orchesterdirigieren von
Professor Ilya Musin.
Viele
Jahre nach dem Abschluss meines Studiums, als ich selbst bereits an eben
jenem Konservatorium unterrichtete, kam eines Tages Ilya Musin, der sich
mitten im Studienjahr unversehens ohne Klavierbegleitung für seinen
Kurs fand, persönlich auf mich zu und bat mich, in seinem „Kurs-Orchester“,
wie er es gelegentlich zu nennen pflegte, zu spielen. Ich folgte seiner
Bitte und arbeitete von da an mit ihm bis zu seinem Tod im Jahr 1999.
Meine
jahrelange Anwesenheit in Ilya Musins Kursen erlaubte mir, seine Lehrtätigkeit
aus einem privilegierten Blickwinkel zu beobachten - am Klavier sitzend,
als wäre ich das Orchester - und für mich selbst zu lernen. Ilya Musin
ist für mich jener Musiker, der mehr als irgendein anderer meine
musikalische Ausbildung beeinflusste und meine didaktische Erfahrung
bereicherte, da es mir möglich war, dem Unterricht für so viele
verschiedene und unterschiedlich begabte Studenten zu folgen.
Ilya
Musin versuchte all seinen Studenten zwei Dinge beizubringen: das Verständnis
für die Dramaturgie eines zu dirigierenden Musikstückes (vom Aufbau
der einzelnen Phrase bis hin zu den größeren Abschnitten) und die Fähigkeit,
durch die Gestik nicht nur Dynamik und Tempo, sondern auch den Charakter,
den rhythmischen Gehalt und die Struktur jeder Phrase auszudrücken, wie
die Instrumente gespielt werden sollen und all die anderen Dinge, die
bei der Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigent von Wichtigkeit
sind; kurz: die Fähigkeit „mit
den Händen zu sprechen“. Genau darüber schrieb Ilya Musin in
all seinen Arbeiten über das Orchesterdirigieren und ebenso, wenn er
bekräftigte: „Ich lehre meine Studenten nicht, diese oder jene
Symphonie zu interpretieren. Aber ich verwende die Symphonien als Mittel,
um ihnen beizubringen, wie man seine eigenen musikalischen Gedanken
mitteilt.“
Ilya
Musin war fest davon überzeugt, ein jeder könne die Grundlagen dieses
Berufes erlernen. Für alle seine Kursteilnehmer, gleich ob sie
Studenten des Konservatoriums oder Teilnehmer seiner Meisterkurse im
Ausland waren, gab er, unabhängig von den Fähigkeiten des Einzelnen,
stets sein Bestes. Großzügig teilte er sein ganzes Wissen und passte
sich hierbei dem Niveau des jeweiligen Studenten an, um diesem genau das
zu geben, was er in der augenblicklichen Phase seiner Entwicklung benötigte.
Da
immer Dutzende von Menschen im Unterrichtsraum waren, konnte Ilya Musin,
jeweils ausgehend von konkret beobachteten Fehlern oder Mängeln bei
einzelnen Studenten, im gemeinsamen Lernen die allgemeingültigen Regeln
aufzeigen. Nach jedem Kurs notierte sich Ilya Musin zu Hause, was im
Unterricht geschehen war: Gedanken, die ihm während der Stunden
gekommen waren, Ideen, Beobachtungen. Daraus entstanden dann seine Bücher.
Während
seiner ganzen Karriere als Lehrer verfasste Musin nicht nur
autobiografische Arbeiten (Lebenslektionen
- St. Petersburg 1995) sondern auch wichtige Arbeiten über die
methodologische Forschung in der Kunst des Orchesterdirigierens (Technik
des Orchesterdirigierens – St. Petersburg, erste Auflage 1967,
zweite Auflage 1995; Die Erziehung des Dirigenten - St. Petersburg 1987; Die
Sprache der Dirigier-Gestik - St Petersburg 2006).
Ilya
Musin hatte eine Vielzahl an Studenten; nach seinen Berechnungen haben
allein mehr als hundert russische einen Abschluss bei ihm erlangt. Hinzu
kommen diejenigen aus seinen Meisterklassen im Ausland und all jene, die
von überall auf der Welt nach St. Petersburg kamen, um an seinen
Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen. Einige von ihnen, angesteckt
von dem gleichen leidenschaftlichen Wunsch ihres Lehrers, ihre Erfahrung
und ihr Wissen zu teilen, widmen sich dem Unterrichten.
Ennio
Nicotra ist einer von ihnen: In hohem Grade begabt und der Musik sowie
dem Orchesterdirigieren ergeben, führt er die Arbeit seines Lehrers
nicht nur hinsichtlich der Ausbildung und Erziehung der jungen
Musiker-Generationen fort, sondern verbreitet Musins Dirigiermethode
auch in Italien, Russland und anderen Ländern.
Ennio
Nicotras Idee, moderne Technologien zu nutzen, um ein interaktives
Handbuch des Orchesterdirigierens zur Verfügung zu stellen, ist ein
wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer Schule des Orchesterdirigierens
überall in der Welt. Zweifellos liegt der Wert dieser Veröffentlichung
in ihrem lebendigen Bezug zu all dem, was Maestro Nicotra während
seiner Studienjahre mit Ilya Musin erlernt hat.
Die
vorhandenen Lehrbücher zum Thema Orchesterdirigieren, z.B. jenes von
Musins Lehrer Nikolay Malko (Der
Dirigent und sein Taktstock - Kopenhagen 1950) und Musins eigene Bücher
können nicht den Vorteil nutzen, den heutige Technologien ermöglichen:
das Phänomen des Orchesterdirigierens von innen heraus zu zeigen. Hier
werden die in jeglichem Handbuch zu findenden Dirigier-Schemata lebendig,
in sichtbare Bewegung umgesetzt. Das Resultat daraus wird in hunderten
von Beispielen aus jedem Zeitalter, Stil und Genre durch das berühmte
Klavierduo Canino-Ballista auf eindrucksvolle Weise hörbar.
Dieses
Handbuch zeigt, ausgehend von den ersten Schritten, die Arbeit, die ein
junger Dirigent an sich selbst leisten muss. Es hilft dem aufstrebenden
Musiker, ein junger Fachmann zu werden, der fähig ist, jegliches Werk
aus dem klassischen oder zeitgenössischen Repertoire zu beherrschen.
Nadezhda
Mikhailovna Eismont
Klavierdozentin
am
Nikokaj
Rimskij-Korsakov
Konservatorium
St. Petersburg
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